Wenn du in deiner Wohnung immer wieder Schimmel an den Ecken der Wände siehst, liegt das nicht an mangelnder Sauberkeit. Es ist ein bauphysikalisches Problem - und es passiert in fast jedem älteren Haus. Die Ecke, wo zwei Außenwände aufeinandertreffen, wird kälter als der Rest des Raums. Und diese Kälte zieht Feuchtigkeit an - bis der Schimmel wächst. Du kannst das nicht mit Putzmittel wegputzen. Du musst die Ursache verstehen: kalte Ecken.
Warum entstehen kalte Ecken überhaupt?
Stell dir vor, du hast eine Wand, die nach draußen geht. Die Außenluft ist kalt, die Innenluft warm. Normalerweise gibt die Wand Wärme ab, aber langsam - und gleichmäßig. Doch an der Ecke passiert etwas anderes. Hier treffen zwei Außenflächen aufeinander: eine Wand und eine Decke, oder zwei Wände. Das bedeutet: mehr Fläche, die nach außen abkühlt. Die Wärme, die aus dem Raum kommt, kann nicht mehr schnell genug nachkommen. Die Temperatur an der Ecke sinkt - oft um 2 bis 4 Grad Celsius unter die Raumtemperatur.
Das ist kein Zufall. Es ist eine zweidimensionale Wärmebrücke, wie sie die DIN EN ISO 10211:2018 beschreibt. In Altbauten vor 1977, also in fast 92 % der deutschen Wohnungen, ist das Standard. Die Wände sind dünn, die Dämmung fehlt. Die Ecke wird so kalt, dass sie den Taupunkt unterschreitet - den Punkt, an dem Luftfeuchtigkeit kondensiert. Bei einer Raumtemperatur von 20 °C und einer Luftfeuchtigkeit von 55 % reicht schon eine Oberflächentemperatur von 12,7 °C, um Tauwasser zu bilden. Und wo Wasser bleibt, wächst Schimmel.
Wo treten kalte Ecken am häufigsten auf?
Nicht überall sind Ecken gleich betroffen. Einige Stellen sind echte Hotspots:
- Rolladenkästen: In 78 % der untersuchten Altbauten ist hier die Kältebrücke am stärksten. Die Kiste ist oft ungedämmt, und die Luft bleibt stecken.
- Balkonanschlüsse: Wenn der Balkon nicht durch eine Wärmedämmung vom Haus abgetrennt ist, leitet er Kälte direkt in die Wand.
- Dachgeschossausbauten: 82 % der untersuchten Objekte zeigen hier Probleme. Die Ecke zwischen Dach und Außenwand ist ein klassischer Kältefalle.
- Ecken hinter Möbeln: Wenn du dein Bett oder den Schrank direkt an die Wand stellst, blockierst du die Luftzirkulation. Die Kälte sammelt sich - und der Schimmel wächst hinter dem Sofa.
Die meisten Menschen merken erst, wenn der Schimmel sichtbar ist. Aber die Ursache liegt schon lange vorher. Ein Nutzer auf bau.de beschrieb, wie er monatelang Schimmel mit Mitteln bekämpfte - bis ein Energieberater die kalte Ecke als Ursache identifizierte. Die Lösung war nicht mehr Putzmittel, sondern Dämmung.
Wie misst man eine kalte Ecke richtig?
Ein normales Thermometer an der Luft sagt dir nichts. Du brauchst ein Infrarotthermometer. Mit ihm misst du die Oberflächentemperatur der Wand - nicht die Lufttemperatur. Und du musst es richtig machen:
- Heize den Raum mindestens 12 Stunden konstant auf 20 °C. Kein ab und zu lüften, keine Temperaturschwankungen.
- Stelle das Infrarotthermometer senkrecht auf die Ecke. Halte es 10-15 cm Abstand.
- Messpunkt: die äußerste Ecke, nicht die Wandfläche daneben.
- Notiere die Temperatur.
- Mess die relative Luftfeuchtigkeit mit einem Hygrometer. Die Werte sollten zwischen 45 % und 60 % liegen.
Rechne den Taupunkt aus: Bei 20 °C und 55 % Luftfeuchtigkeit liegt er bei 12,7 °C. Wenn deine Wandtemperatur darunter liegt - und das ist in vielen Altbauten der Fall - dann ist die Gefahr real. Ein Unterschied von mehr als 1 °C ist ein klarer Sanierungsbedarf.
Was hilft wirklich? Dämmung vs. Luftführung
Es gibt drei Wege, das Problem zu lösen - und nur ein Weg ist dauerhaft.
1. Außenwanddämmung - die beste, aber teuerste Lösung
Du entfernst die alte Fassade, bringst eine Dämmung von mindestens 10 cm auf, und verkleidest sie neu. Der U-Wert sinkt auf 0,15-0,22 W/m²K. Die Ecke wird warm. Der Schimmel verschwindet. Aber: Das kostet 120-180 € pro Quadratmeter. Und in Altbauten mit Denkmalschutz ist das oft nicht erlaubt. Nur 58 % der Sanierungen nutzen diesen Weg - meist in Neubauten oder bei umfassenden Renovierungen.
2. Innendämmung - die praktikable Lösung
Das ist der Weg, den die meisten wählen. Du bringst eine Dämmung von innen an. Aber nicht jede Dämmung ist gleich. Konventionelle Styroporplatten (EPS) haben einen U-Wert von 0,45-0,55 W/m²K. Sie sind günstig - 25-40 €/m² - aber riskant. Sie verhindern, dass Feuchtigkeit nach außen zieht. Die Feuchtigkeit bleibt in der Wand. Und dann bildet sich Tauwasser innerhalb der Konstruktion. Das ist der Grund, warum 63 % der Laien-Sanierungen das Problem verschlimmern.
Besser: Kapillaraktive Materialien. Calciumsilikatplatten von Herstellern wie Gutex oder Steico lassen Feuchtigkeit durch. Sie speichern sie, wenn die Luft feucht ist, und geben sie wieder ab, wenn die Luft trockener wird. Sie haben einen U-Wert von 0,35 W/m²K und reduzieren das Schimmelrisiko um 73 % im Vergleich zu Styropor. Die Dicke sollte mindestens 30 mm betragen. Die Kosten liegen bei 320-480 € pro Ecke - inklusive Montage. Eigenleistung ist möglich, aber mit einem 65 % höheren Risiko für Folgeschäden.
3. Luftführung - die Sofortmaßnahme
Wenn du nicht sofort sanieren kannst, dann verbessere die Luftzirkulation. Heizkörper sollten mindestens 15 cm von der Ecke entfernt sein - nicht davor. Luft muss sich frei bewegen können. Ein Deckenventilator, der 150 m³/h Luftleistung hat, bringt die warme Luft von oben nach unten - direkt in die Ecke. Eine Feldstudie der FH Erfurt zeigte: Das erhöht die Oberflächentemperatur um durchschnittlich 1,8 °C. Aber: Bei Raumhöhen unter 2,50 m wirkt das kaum. Und es ist nur eine Notlösung. Es verhindert Schimmel, aber nicht die Ursache.
Was du unbedingt vermeiden musst
Die meisten Fehler passieren, weil man glaubt, es sei eine Frage der Lüftung. Aber du kannst nicht lüften, was du nicht erwärmen kannst. Wenn du bei 12 °C Wandtemperatur ständig lüftest, kühlt du die Wand noch weiter. Das ist wie Wasser auf Eis gießen.
Ein weiterer Fehler: Fugen nicht dichten. Ein Spalt von nur 2 mm zwischen Dämmplatte und Wand reduziert die Dämmwirkung um 40 %. Deshalb muss man alle Übergänge - an Decke, Boden, Fenster - mit speziellen Dichtbändern wie Pro Clima abdichten. Das ist kein Extra, das ist Pflicht.
Und: Keine Dämmung ohne Trocknungszeit. Kapillaraktive Platten brauchen 7-10 Tage, um vollständig zu trocknen. Wenn du nach 3 Tagen tapezierst, bleibt Feuchtigkeit drin. Schimmel kommt zurück.
Was ist heute möglich? Neue Technologien und Förderung
Seit März 2024 fördert die Bundesregierung über das BAFA die Sanierung von Wärmebrücken mit bis zu 25 % Zuschuss - maximal 2.000 € pro Objekt. Das gilt für Innendämmung, Außenwanddämmung und sogar für intelligente Lüftungssysteme.
Und es gibt neue Lösungen. Die Firma Tado hat mit „Climate Sense“ ein System entwickelt, das permanent die Oberflächentemperatur misst und die Lüftung automatisch anpasst. Es kostet ab 299 €. In Passivhäusern mit U-Werten unter 0,15 W/m²K gibt es keine kalten Ecken mehr - wie Prof. Angela Ittig vom Umweltbundesamt bestätigt. Aber in Altbauten? Da bleibt noch viel zu tun.
Die DGfB rechnet damit, dass bis 2030 noch 45 Millionen Quadratmeter Wohnfläche in Deutschland sanierungsbedürftig sind. Das sind Millionen von Ecken. Und jede davon kann zum Schimmelherd werden - wenn man sie nicht richtig behandelt.
Was tun? Ein klarer Fahrplan
Wenn du Schimmel an der Ecke hast, geh so vor:
- Mess die Oberflächentemperatur mit einem Infrarotthermometer - nach 12 Stunden konstanter Raumtemperatur.
- Prüfe die Luftfeuchtigkeit mit einem Hygrometer.
- Berechne den Taupunkt. Ist die Wandtemperatur mehr als 1 °C darunter? Dann ist Sanierung nötig.
- Wenn du sanierst: Wähle kapillaraktive Dämmung (Calciumsilikat), mindestens 30 mm dick, mit Dichtband an allen Übergängen.
- Installiere einen Deckenventilator, um die Luft in die Ecke zu bringen - als Ergänzung.
- Vermeide Möbel vor der Ecke. Lasse Luft zirkulieren.
- Warte 7-10 Tage, bevor du tapezierst oder lackierst.
Du brauchst keine Angst vor hohen Kosten. Es gibt Förderung. Du brauchst keine Angst vor Fehlern. Du brauchst nur die richtige Lösung - und den Mut, die Ursache anzupacken, nicht nur das Symptom.
Jakob Wenzer
Februar 8, 2026 AT 22:03