Stell dir vor, ein Haus wird nicht abgerissen, sondern auseinandergenommen wie ein Lego-Set. Jeder Stein, jede Dachplatte, jedes Fenster wird sorgfältig entfernt, gereinigt und für das nächste Projekt bereitgehalten. Das klingt nach Zukunft, aber in Österreich und Deutschland passiert das schon heute - und zwar immer häufiger. Die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ist kein Trend, sondern eine Notwendigkeit. Denn der Bau macht mehr als die Hälfte aller Rohstoffe in der EU verbraucht und erzeugt fast 40 Prozent des gesamten Abfalls. Wenn wir weiter so bauen wie bisher, reichen die Ressourcen nicht mehr lange.
Warum Kreislaufwirtschaft im Bau nicht mehr optional ist
Die alte Methode - Material holen, verbauen, nach 50 Jahren abreißen und wegwerfen - ist out. Sie ist teuer, verschwenderisch und klimaschädlich. Ein Betonwerk produziert pro Tonne Zement fast eine Tonne CO₂. Ein neues Einfamilienhaus verbraucht im Durchschnitt 150 Tonnen Rohstoffe. Und was passiert danach? Die meisten Baureste landen auf Deponien, obwohl 90 Prozent davon eigentlich wiederverwendet werden könnten. Nur: Wir trennen sie nicht richtig.
Die EU hat 2020 beschlossen: Bis 2030 müssen die CO₂-Emissionen im Bausektor um mindestens 55 Prozent sinken. Deutschland hat 2023 ein neues Kreislaufwirtschaftsgesetz beschlossen, das ab 2025 für alle Gebäude über 1.000 Quadratmeter digitale Material-Pässe vorschreibt. Das ist kein Vorschlag, das ist Gesetz. Und es hat einen einfachen Grund: Wir haben keine Wahl. Die Rohstoffe werden knapper, die Preise steigen, und die Klimaziele lassen keine Ausreden mehr zu.
Die drei Säulen des kreislauforientierten Bauens
Es gibt nicht nur einen Weg, aber drei klare Prinzipien, die alle erfolgreichen Projekte gemeinsam haben.
- Abfall vermeiden - von Anfang an: Ein Gebäude wird nicht nur für die Nutzung geplant, sondern auch für den Rückbau. Das bedeutet: Keine Klebstoffe, die Materialien verkleben, keine verschweißten Verbindungen, keine versteckten Leitungen. Alles muss leicht zu trennen sein. In der Schweiz wurde das NEST-Projekt der Empa als erstes Gebäude komplett nach diesem Prinzip gebaut - jeder Bauteil ist als Materiallager markiert, vom Boden bis zur Dachhaut.
- Wiederverwendung statt Recycling: Recycling ist gut, aber es kostet Energie. Ein Holzbalken, der neu verarbeitet wird, verliert 30 Prozent seiner Qualität. Ein Holzbalken, der einfach wieder verwendet wird, behält seine volle Stärke. Deshalb geht es nicht darum, alles zu zerkleinern und neu zu mischen. Es geht darum, Teile zu retten. In Altmünster in Oberösterreich wurde ein SOS-Kinderdorf komplett aus recycelten und wiederverwendeten Materialien gebaut - Fenster aus alten Schulen, Dachziegel aus abgerissenen Villen, Stahlträger aus einem ehemaligen Lagerhaus.
- Material-Pässe als digitale DNA: Jeder Stein, jede Dachrinne, jede Leitung bekommt einen digitalen Pass. Darin steht: Welches Material? Woher kommt es? Wann wurde es verbaut? Wie wird es abgebaut? Wer hat es zertifiziert? Diese Pässe werden in BIM-Modellen gespeichert - das ist die digitale Bauplanung, die alles abbildet. So weiß ein zukünftiger Abbruchbetrieb genau, was er wo findet, und kann es gezielt einsetzen.
Was funktioniert - und was nicht?
Nicht jedes Projekt eignet sich für Kreislaufwirtschaft. Es gibt klare Grenzen.
Funktioniert gut:
- Neubauten mit langer Lebensdauer (Schulen, Wohnungen, Verwaltungsgebäude)
- Sanierungen von Bestandsbauten, wo Teile erhalten werden können
- Öffentliche Projekte, die durch Gesetze vorgegeben werden
- Projekte mit klaren Planern, die von Anfang an mit Abbruch- und Wiederverwendungs-Teams zusammenarbeiten
Funktioniert schlecht oder gar nicht:
- Temporäre Bauten (Messestände, Baubüros)
- Projekte mit extrem hohen Sicherheitsanforderungen (Krankenhäuser, Laboratorien), wo Materialreinheit entscheidend ist
- Bauten mit komplexen Materialmischungen (z. B. Kunststoffe mit Metallverstärkung), die sich nicht sauber trennen lassen
Ein Bauleiter aus München, der ein Recyclinghaus in Hannover gebaut hat, sagt: „Die Vorplanung hat 30 Prozent länger gedauert. Aber die Materialkosten sind um 22 Prozent gesunken - und das über die gesamte Lebensdauer.“ Das ist der Unterschied: Kurzfristig ist es aufwendiger, langfristig ist es günstiger.
Die großen Hürden - und wie man sie überwindet
Es gibt drei große Probleme, die die Kreislaufwirtschaft im Bau noch bremsen.
1. Keine qualitativ einheitlichen Recyclingmaterialien
Ein Betonblock aus altem Mauerwerk ist nicht gleich ein anderer. Er hat Risse, ist verschmutzt, hat unterschiedliche Festigkeit. Derzeit gibt es keine einheitlichen Standards, die sagen: „Dieser Beton ist für Fußböden geeignet, jener nur für Fundamente.“ Das macht Planer unsicher. 68 Prozent der Bauunternehmen nennen das laut einer TU München-Umfrage die größte Hürde.
Lösung: Zertifizierungen wie die DGNB-Bewertung oder neue EU-Regeln, die ab 2025 Mindestqualitäten für Recycling-Baustoffe festlegen, helfen. In Österreich wird bereits ein „Recycling-Baustoff-Label“ entwickelt.
2. Fehlende Infrastruktur
Wir haben 90 Prozent Recyclingquote bei mineralischen Abfällen - das ist Weltspitze. Aber bei Holz, Kunststoffen oder Metallkompositen liegt die Quote bei nur 45 Prozent. Warum? Weil es keine geeigneten Aufbereitungsanlagen gibt. Die meisten Abbruchbetriebe haben keine Maschinen, die Holz von Dämmstoffen trennen können. Und wenn sie es könnten, lohnt sich das oft nicht - zu teuer, zu wenig Nachfrage.
Lösung: Die Bauindustrie plant bis Ende 2023 eine branchenweite Plattform, auf der Abbruchmaterialien gehandelt werden können - wie eine eBay-Plattform für Baustoffe. In Klagenfurt wird bereits ein kleiner Pilotbetrieb getestet, der alte Fenster und Türen sortiert und an Architekten verkauft.
3. Fehlende Kommunikation zwischen den Gewerken
45 Prozent aller Projekte scheitern am Rückbau, weil die Architekten, Statiker, Elektriker und Abbruchfirmen nicht zusammenarbeiten. Der Elektriker verlegt Kabel in der Wand, ohne zu wissen, dass diese Wand später als Wandelement wiederverwendet werden soll. Das Material ist dann unbrauchbar.
Lösung: BIM-Modelle mit Material-Pässen. Wenn alle am gleichen digitalen Modell arbeiten, sieht jeder, was wo verbaut ist - und wie es später wieder rauskommt.
Was kommt als Nächstes?
Die Entwicklung beschleunigt sich. Die EU hat im März 2023 einen neuen Vorschlag für die BauPVO veröffentlicht: Ab 2026 müssen öffentliche Bauvorhaben mindestens 30 Prozent Recyclingmaterialien enthalten. In Deutschland wird das Kreislaufwirtschaftsgesetz ab 2025 für alle größeren Gebäude Pflicht. Das ist kein Vorschlag - das ist ein Zwang.
Der Markt reagiert. Der Umsatz mit Recyclingbaustoffen ist in den letzten fünf Jahren von 4,2 auf 9,8 Milliarden Euro gestiegen - und soll bis 2030 auf 18 Milliarden steigen. Die Bauindustrie erkennt: Wer heute nicht umdenkt, verliert morgen den Auftrag. Denn Bauherren fragen nach: „Wie viel CO₂ hat dieses Haus verursacht?“, „Welche Materialien sind wiederverwendbar?“, „Kann ich die Fenster später weiterverkaufen?“
Die Prognose des Instituts für Bauforschung ist klar: Bis 2040 werden 65 Prozent aller Neubauten in Deutschland kreislauforientiert sein. Das ist kein Traum. Das ist die Logik der Ressourcenknappheit.
Was kannst du tun?
Du bist kein Architekt, kein Bauherr, kein Politiker? Dann denkst du vielleicht: „Das geht mich nichts an.“ Doch das tut es.
Wenn du ein Haus baust oder sanierst, frage: „Kann ich alte Fenster wiederverwenden?“, „Gibt es Recycling-Ziegel?“, „Kann der Abbruchbetrieb die Materialien trennen?“
Wenn du ein Gebäude vermietest, frag nach dem Material-Pass. Wenn du einen Auftrag vergeben willst, verlange eine Rückbau-Konzeption im Angebot.
Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, anzufangen. Ein Stein, der nicht auf die Deponie kommt, ist ein Stein, der nicht neu produziert werden muss. Und das spart Energie. Und das spart CO₂. Und das macht den Unterschied.
Die Kreislaufwirtschaft im Bau ist nicht die Zukunft. Sie ist die Gegenwart. Und wer sie nicht versteht, wird bald nicht mehr bauen können - oder zumindest nicht mehr wettbewerbsfähig sein.