Industrial Style im Altbau: Sichtbeton, Metall und Backstein als Design-Elemente

Industrial Style im Altbau: Sichtbeton, Metall und Backstein als Design-Elemente
Lennart Schreiber 13 Feb 2026 0 Kommentare Wohnen

Was macht einen Altbau zu einem echten Industrial-Style-Zuhause? Es ist nicht nur der Blick auf rohe Wände oder sichtbare Rohre. Es ist die Geschichte, die in den Materialien steckt. Sichtbeton, Backstein und Metall sind nicht Dekoration - sie sind das Fundament. Und in München, wo viele alte Fabrikgebäude und Lagerhallen aus den 1920er Jahren noch stehen, wird dieser Stil nicht nachgeahmt. Er wird gelebt.

Warum Sichtbeton mehr ist als nur grauer Boden

Sichtbeton ist kein moderner Trend. Er ist eine Erinnerung. In den 1950er Jahren, als viele Industriegebäude in Deutschland leer standen, begannen Künstler und Handwerker, die Betonplatten einfach freizulegen. Kein Anstrich. Kein Fliesen. Nur der rohe Untergrund. Warum? Weil er authentisch war. Und das ist es noch heute.

In einem Altbau mit Sichtbetonboden geht es nicht darum, ihn zu polieren wie einen Marmorfußboden. Es geht darum, seine Struktur zu zeigen: die kleinen Luftporen, die Stellen, wo der Beton mal nicht gleichmäßig verlegt wurde, die Spuren von Zement und Sand. Ein echter Sichtbetonboden hat kein einheitliches Muster. Er hat Charakter. Und er verändert sich mit der Zeit. Mit jedem Schuhabrieb, jedem Fleck, jedem Sonnenstrahl, der ihn trifft, wird er lebendiger.

Die meisten Menschen denken, Beton ist kalt. Aber das stimmt nur, wenn man ihn mit kalten Farben kombiniert. In einem Industrial-Style-Zuhause wird er mit warmem Holz, leichten Leinenstoffen und braunen Ledersofas aufgeweicht. Ein altes Eichentischchen aus der Werkstatt, ein Teppich aus Schafwolle - das macht den Raum lebendig. Beton ist nicht das Problem. Es ist die Kombination, die entscheidet.

Backstein: Die Seele des Altbaus

Backstein ist kein Material. Er ist ein Zeugnis. In vielen alten Münchner Gebäuden aus der Gründerzeit wurden Ziegelsteine von Hand geformt. Jeder Stein hat eine andere Farbe, eine andere Form. Keiner ist perfekt. Und genau das ist sein Wert.

Wenn du in einem Altbau wohnst und eine Wand mit sichtbarem Backstein hast - halte sie. Nicht abzudecken. Nicht zu verputzen. Nicht zu streichen. Nur reinigen. Mit einer weichen Bürste, etwas Wasser und etwas Seife. Du wirst sehen: Die Rötungen, die Schattierungen, die kleinen Risse - das ist die Geschichte des Gebäudes. Und das ist, was Industrial Style wirklich ausmacht: Es erzählt eine Geschichte, ohne ein Wort zu sagen.

Einige Leute denken, Backstein ist nur für große Loft-Wohnungen. Aber das stimmt nicht. Selbst in einer kleinen Altbauwohnung mit 60 Quadratmetern kann ein einzelner Backsteinwall den Raum verändern. Stell dir vor: Du hast eine Küche mit weißen Schränken. Und dann eine Wand - nur eine - mit rotem Ziegel. Plötzlich hat die Küche Wärme. Sie hat Tiefe. Sie hat eine Seele.

Metall: Nicht verstecken, sondern zeigen

Metall im Industrial Style ist kein Zierdelement. Es ist Struktur. Das bedeutet: Tragende Säulen, Rohrleitungen, Balken, Treppengeländer - alles bleibt sichtbar. Keine Verkleidung. Keine Versteckspiele. Das ist der Unterschied zu modernen Wohnungen, wo alles hinter Trockenbauwänden verschwindet.

In München gibt es viele Gebäude, die nach dem Krieg nur notdürftig repariert wurden. Die alten Stahlträger blieben. Die Rohre wurden nicht entfernt. Und heute? Das ist Gold wert. Ein echter Industrie-Stil setzt auf diese Überbleibsel. Ein paar Meter Rohr, das über der Kücheninsel verläuft? Nicht verstecken. Reinigen. Mit einem Schuss Öl einreiben. Und schon sieht es aus wie ein Design-Element aus einer Galerie.

Metall ist auch in Möbeln wichtig. Ein Tisch mit eisernen Beinen. Ein Regal aus Stahlrohren. Ein Hocker aus geschmiedetem Eisen. Das sind keine Deko-Objekte. Das sind funktionale Teile, die ihre Herkunft nicht verleugnen. Und das macht sie besonders. Sie erinnern daran, dass Dinge nicht nur schön sein müssen. Sie müssen auch stark sein.

Eine rote Ziegelwand in einer kleinen Küche, die Wärme und Geschichte ausstrahlt.

Farben: Warme Töne gegen die Kälte

Industrial Style ist nicht grau. Nicht schwarz. Nicht kalt. Das ist ein Mythos. Die Farben in einem echten Industrial-Style-Zuhause sind warm. Sehr warm.

Rostrot. Kognakbraun. Dunkelbraun. Moosgrün. Kupfer. Ziegelrot. Diese Farben kommen nicht aus einem Farbkatalog. Sie kommen aus der Natur. Aus alten Ledersofas. Aus Holzböden, die Jahrzehnte Sonne abbekommen haben. Aus Kupferkesseln, die im Lauf der Zeit eine grünliche Patina bekamen.

Die Wände sind Beton oder Ziegel. Die Decken sind aus Stahl. Aber die Sofas? Die sind aus braunem Leder. Die Teppiche? Aus Schurwolle. Die Kissen? Aus Leinen in Erdtönen. Und überall: Pflanzen. Nicht als Deko. Sondern als Leben. Eine Efeuranke an der Betonwand. Ein Ficus in einer alten Metallwanne. Ein paar Kräuter auf der Fensterbank.

Die Kombination aus kühlen Materialien und warmen Farben ist der Schlüssel. Ohne diese Wärme wird der Raum klinisch. Mit ihr wird er lebendig.

Möbel: Vintage mit Sinn

Was macht ein Möbelstück zu einem echten Industrial-Style-Möbel? Nicht der Preis. Nicht das Design. Sondern die Geschichte.

Ein Schreibtisch aus den 1930er Jahren, mit einem Metallrahmen und Holzplatte? Perfekt. Ein Kleiderschrank aus einer ehemaligen Fabrikhalle, mit schweren Metallgriffen? Ideal. Ein alter Werkzeugkasten als Sideboard? Warum nicht?

Die meisten Leute denken, sie müssen teure Designerstücke kaufen. Aber das ist der falsche Weg. Industrial Style lebt von Fundstücken. Von Dingen, die jemand anders vergessen hat. Von Möbeln, die ihre Geschichte nicht verbergen. Ein altes Bettgestell aus Eisen, das du auf dem Flohmarkt für 80 Euro gefunden hast - das ist mehr wert als ein neues, teures Bett aus IKEA, das nach zwei Jahren schon ausgesehen hat, als wäre es aus Plastik.

Und die Aufbewahrung? Keine geschlossenen Schränke. Keine glatten Fronten. Offene Regale aus Metall. Kleiderhaken aus Eisen. Kisten aus Holz. Alles, was sichtbar ist. Weil es nicht versteckt werden soll. Es soll gezeigt werden.

Exponierte Stahlträger und Metallrohre in einem loftartigen Raum mit vintage Möbeln und warmem Licht.

Licht: Glühbirnen und alte Lampen

LED-Lampen? Ja, sie sind effizient. Aber sie passen nicht zum Industrial Style. Warum? Weil sie zu perfekt sind. Zu kalt. Zu gleichmäßig.

Im echten Industrial Style brennen Glühbirnen. Nicht als Ersatz. Sondern als Design. Die alten, kugelförmigen, mit einem filigranen Draht im Inneren. Sie geben ein warmes, leicht flackerndes Licht. Und sie machen Schatten. Tiefere Schatten. Die Schatten, die man in alten Fabrikhallen gesehen hat.

Deckenlampen aus Messing. Kabel, die über die Decke laufen, statt in der Wand verschwinden. Leuchten, die wie Studio- oder Werkstattlampen aussehen. Keine Deckenleuchten mit weißem Kunststoff. Keine minimalistischen Lampen aus Aluminium. Nur echtes Metall. Nur echtes Glas. Nur echtes Licht.

Und die Anzahl? Weniger ist mehr. Eine Lampe über dem Esstisch. Eine an der Wand. Eine am Fenster. Mehr braucht man nicht. Licht ist kein Zubehör. Es ist ein Teil der Architektur.

Was nicht passt: Die häufigen Fehler

Industrial Style ist kein Stil, den man mit ein paar Deko-Elementen nachahmen kann. Es ist eine Haltung. Und viele Leute machen denselben Fehler.

  • Falsch: Sichtbeton mit einem hellen Anstrich überziehen. Das ist kein Industrial Style. Das ist Beton, der Angst hat.
  • Falsch: Backstein mit weißer Farbe überstreichen. Du zerstörst die Geschichte.
  • Falsch: Metall mit Lack überziehen. Es soll rostig sein. Es soll alt wirken. Es soll nicht aussehen wie ein neues Möbel aus dem Möbelhaus.
  • Falsch: Alles glatt und gleichmäßig machen. Industrial Style lebt von Unvollkommenheit.
  • Falsch: Zu viele Deko-Elemente. Ein Bild. Eine Pflanze. Ein altes Werkzeug. Mehr braucht es nicht.

Wenn du einen Raum mit Industrial Style gestaltest, dann denk nicht an „Stil“. Denk an „Authentizität“. Was bleibt, wenn du alles weggenommen hast, was nicht wirklich notwendig ist? Das ist dein Design.

Was du jetzt tun kannst

Wenn du in einem Altbau wohnst und überlegst, ob du Industrial Style umsetzen sollst, dann fange klein an.

  1. Entferne nicht die alten Wände. Reinige sie.
  2. Zeige die Rohre. Lass sie sichtbar.
  3. Setze eine alte Glühbirne ein - nicht eine LED.
  4. Kaufe kein neues Sofa. Suche nach einem alten Ledersofa auf dem Flohmarkt.
  5. Hänge ein Bild an die Betonwand. Nicht mit einem Nagel. Mit einem Metallhaken.

Du musst nicht alles auf einmal machen. Du musst nur anfangen. Und dann wirst du merken: Der Raum verändert sich. Langsam. Aber richtig.

Kann man Industrial Style auch in einer kleinen Wohnung umsetzen?

Ja, absolut. Industrial Style funktioniert sogar besser in kleinen Räumen, weil er auf klare Strukturen setzt. In einer 40-Quadratmeter-Wohnung reicht es, wenn du eine Wand mit sichtbarem Backstein lässt, einen alten Metalltisch verwendest und eine Glühbirne als Hauptlichtquelle einsetzt. Du brauchst keine großen Loft-Flächen. Du brauchst nur Mut, echte Materialien zu zeigen.

Ist Sichtbeton pflegeleicht?

Ja, aber nicht wie ein Fliesenboden. Sichtbeton nimmt Flecken an - das ist normal. Reinige ihn mit Wasser und einem weichen Besen. Wenn du ihn öfter wischst, kannst du ihn mit einem speziellen Betonversiegelungsmittel behandeln. Aber nicht zu stark. Ein leichter Schutz reicht. Der Zweck ist nicht, ihn perfekt zu machen. Sondern, ihn lebendig zu halten.

Kann man Industrial Style mit Kinderzimmern kombinieren?

Natürlich. Kinder lieben echte Materialien. Ein Betonboden ist leicht zu reinigen. Ein Metallregal hält viel aus. Und eine alte Holzspielzeugkiste ist viel robuster als eine Plastikkiste. Der Trick: Füge warme Elemente hinzu - ein weicher Teppich, bunte Kissen, eine Pflanze. So wird der Raum nicht kalt, sondern lebendig.

Wo finde ich authentische Vintage-Möbel in München?

Der Flohmarkt am Viktualienmarkt, der Alte Hof in Haidhausen oder die Künstlerwerkstätten in der Gasteig-Gegend sind gute Anlaufpunkte. Auch in der Schwabinger Straße gibt es mehrere Antiquitätenläden, die sich auf Industrie-Möbel spezialisiert haben. Such nicht nach „Industrial Style“. Suche nach „alt“ und „echt“. Der Rest ergibt sich von selbst.

Ist Industrial Style teuer?

Nicht unbedingt. Die teuersten Teile sind oft die, die du nicht kaufst. Du brauchst keine neuen Möbel. Du brauchst keine neuen Wände. Du brauchst nur Mut, die alten Dinge zu zeigen. Die meisten Kosten entstehen durch Renovierung - aber das ist auch bei jedem anderen Stil so. Industrial Style ist günstiger, weil du nicht viel kaufen musst. Du musst nur sehen, was schon da ist.