Warum Fassadenrisse mehr sind als ein ästhetisches Problem
Ein dünner Riss in der Fassade mag erst mal wie eine harmlose Macke wirken. Doch hinter jeder Rissbildung steckt eine Geschichte - oft eine Geschichte von falschen Materialien, falscher Ausführung oder einer Grundlage, die sich bewegt. In Österreich, wo Temperaturen zwischen -20°C im Winter und +30°C im Sommer schwanken, sind Fassaden ständig unter Spannung. Die Bundesbauministerium-Studie 2023 zeigt: In den letzten fünf Jahren sind Fassadenschäden um 22 % gestiegen. Und die Hauptursache? Nicht das Wetter allein - sondern falsche Sanierungen.
78 % aller Fassadenschäden werden nicht durch Naturkräfte verursacht, sondern durch schlechte Reparaturen. Wer einfach Acrylfarbe über einen Riss streicht, ohne die Ursache zu prüfen, macht das Problem nur größer. Die Gipsmarke, die man auf den Riss setzt, um zu sehen, ob er sich weiter öffnet, ist kein Trick aus dem Internet - sie ist ein bewährtes Werkzeug von Profis. Reißt sie, ist der Riss aktiv. Und dann muss man anders vorgehen.
Die drei Arten von Fassadenrissen - und was sie wirklich bedeuten
Nicht jeder Riss ist gleich. Die BFS-Merkblätter aus dem Jahr 2020 teilen Fassadenrisse in drei klare Kategorien ein. Wer diese kennt, vermeidet teure Fehler.
- Rissart A: Putzrisse - Diese entstehen im Putz selbst, nicht im Mauerwerk dahinter. Sie sind meist fein, netzartig oder gerade. Typisch für zu hohen Zementanteil (über 30 %), zu feinen Sand oder zu dicke Putzschichten (mehr als 20 mm pro Lage). Sie sind optisch störend, aber meist nicht strukturell gefährlich.
- Rissart B: Risse vom Mauerwerk - Hier geht der Riss vom tragenden Mauerwerk aus. Das kann an unterschiedlichen Materialien liegen - etwa wenn Ziegel und Betonstein im gleichen Mauerwerk verbaut sind und sich unterschiedlich ausdehnen. Auch unvollständig verfugte Mauern oder zu schnelles Austrocknen des Putzes führen dazu. Diese Risse sind breiter, oft bis zu 1 mm, und zeigen, dass die Verbindung zwischen Putz und Träger versagt.
- Rissart C: Baudynamische Risse - Diese sind über 1 mm breit und entstehen durch Bewegung im ganzen Gebäude. Setzungen des Bodens, Erschütterungen von Verkehr (bis zu 0,5 mm Verschiebung bei Lkw in 10 Metern Entfernung), oder fehlende Dehnungsfugen sind die Ursachen. Diese Risse wachsen, sie wandern, sie öffnen sich und schließen sich wieder. Sie sind die gefährlichsten - und die am häufigsten falsch behandelten.
Professor Dr. Thomas Schmidt von der TU München sagt es klar: "65 % aller Fassadenrisse sind auf fehlerhafte Ausführung zurückzuführen." Das bedeutet: Die meisten Probleme entstehen nicht durch schlechte Qualität der Materialien, sondern durch falsche Handhabung.
Was passiert, wenn man Fassadenrisse ignoriert?
Ein kleiner Riss mag unschön sein - aber er ist nicht gleich ein Einsturzrisiko. Doch was viele nicht wissen: Wasser, das durch diesen Riss eindringt, friert im Winter. Und gefrorenes Wasser dehnt sich aus - bis zu 9 % mehr Volumen. Das reißt den Putz weiter auf, dringt in das Mauerwerk ein, korrodiert die Dämmung, schädigt die Holzkonstruktionen hinter der Wand. Und dann? Schimmel. Feuchtigkeitsschäden. Verrottete Fensterbänke.
Das Bauschadeninstitut hat berechnet: Wer einen Riss nicht rechtzeitig sanieren lässt, zahlt im Durchschnitt 3.200 € mehr - nur weil er zu lange gewartet hat. Und das ist nicht mal der größte Schaden. Denn hinter Kletterpflanzen wie Efeu oder Wildem Wein verstecken sich oft große Risse. Die Pflanzen wachsen, sie drücken den Putz auseinander, und erst wenn die Blätter abfallen, sieht man, wie groß der Schaden wirklich ist.
Ein weiterer gefährlicher Irrtum: Risse in der Innenwand bedeuten nicht, dass die Fassade in Ordnung ist. Oft ist es genau umgekehrt. Wenn innen Risse entstehen, ist das ein Zeichen dafür, dass sich das gesamte Gebäude bewegt - und das ist ein Warnsignal.
Wie man Fassadenrisse richtig repariert - Schritt für Schritt
Die Reparatur hängt ganz von der Rissart ab. Eine einheitliche Lösung gibt es nicht.
Für Rissart A: Feine bis mittlere Putzrisse
- Riss mit einem Diamantschleifer oder einer Stechbeitel öffnen - nicht nur abkratzen. Der Riss muss eine V-förmige Nut bekommen, damit der neue Putz Halt hat.
- Gründlich staubfreimachen. Mit einem Druckluftgebläse oder einem trockenen Pinsel.
- Grundierung mit einer wasserdichten, elastischen Grundierung auftragen. Keine herkömmliche Acrylgrundierung - die ist zu steif.
- Elastische Füllmasse auftragen. Empfohlen: DinoGarant Compact (für Risse bis 0,5 mm) oder DinoGarant MultiTop FZ (für doppelte Schicht). Beide sind speziell für Außenwände entwickelt und dehnen sich mit der Wand mit.
- Nach 24 Stunden mit einer elastischen Außenfarbe überstreichen. Keine normale Innenfarbe - die reißt sofort wieder auf.
Für Rissart B: Risse vom Mauerwerk
- Die Rissbreite prüfen. Wenn sie über 0,5 mm ist, braucht man Armierung.
- Ein Glasgewebe mit 120 g/m² Dicke in die Putzschicht einarbeiten. Das Gewebe wird vor dem letzten Putzschicht eingelegt - nicht danach.
- Das DinoGarant Elastic-System ist hier die Standardlösung. Es kombiniert eine elastische Grundierung mit einem speziellen Gewebe, das die Bewegung des Mauerwerks aufnimmt.
- Kein dicker Putz auftragen! Maximal 15 mm pro Schicht. Und immer abwechselnd trocknen lassen - nicht alles auf einmal.
Für Rissart C: Baudynamische Risse
Diese Risse können nicht mit Putz repariert werden. Sie brauchen eine strukturelle Lösung.
- Erst die Ursache finden: Ist der Boden instabil? Gibt es Erschütterungen von Straßen? Ist die Fundamentierung unzureichend?
- Wenn es sich um Setzungen handelt: Spiralanker einbringen. Diese verbinden das bewegte Mauerwerk mit dem stabilen Boden darunter.
- Alternativ: Uretek-Geoplus®-Expansionsharz-Injektion. Dabei wird ein biobasiertes Harz in den Boden gepresst - es dehnt sich bis zu 25-fach aus und verdichtet den Boden auf eine Dichte von 1,1-1,3 g/cm³. Das stoppt die Bewegung von unten.
- Bei sehr großen Rissen: Verpressung mit Epoxidharz (Viskosität 100-500 mPa·s) oder Feinstmörtel (Korngröße unter 0,2 mm) nach WTA-Merkblatt 2-8-06-01-de.
- Und dann: ein dehnfähiges Dämm- und Putzsystem wie das DinoTherm-WDV-System installieren. Es nimmt die Bewegung auf, ohne zu reißen.
Dr. Hans-Peter Müller von der RWTH Aachen sagt: "Risse der Kategorie C sind nicht nachhaltig zu reparieren, solange die Ursache nicht beseitigt ist." Das ist der Schlüssel. Wer nur die Oberfläche repariert, zahlt in zwei Jahren erneut.
Was kostet eine Fassadenrisssanierung?
Die Kosten variieren stark - je nach Rissart, Größe und Zugänglichkeit.
| Rissart | Typische Breite | Reparaturmethode | Kosten pro m² | Dauer |
|---|---|---|---|---|
| A1 (feine Netzrisse) | 0,05-0,1 mm | Elastische Füllmasse + Farbe | 15-25 € | 1-2 Tage |
| A2 (breitere Putzrisse) | 0,2-0,5 mm | DinoGarant MultiTop FZ (2 Schichten) | 25-40 € | 2-3 Tage |
| B1 (Mauerwerksrisse) | 0,5-1,0 mm | Elastisches System mit Gewebe | 40-65 € | 3-4 Tage |
| C (bautypische Risse) | >1,0 mm | Harzinjektion oder Spiralanker | 80-180 € | 5-10 Tage |
Ein typischer mittlerer Schadensfall (Rissart B) kostet etwa 1.200 € - inklusive Material, Arbeit und Grundierung. Wer einen Laien beauftragt, der nur Farbe aufträgt, zahlt später 1.850 € mehr - so schätzt der Fachverband Gebäudeerhaltung e.V. Die falsche Reparatur ist teurer als die richtige.
Was man nie tun sollte
- Niemals nur Farbe über einen Riss streichen - das ist ein Zeitbombe.
- Niemals Zementputz auf einem alten, schwachen Putz auftragen - er reißt sofort wieder auf.
- Niemals eine Gipsmarke vergessen - sie ist der einzige Weg, um zu wissen, ob der Riss noch aktiv ist.
- Niemals eine Sanierung im Winter durchführen - der Putz friert, die Haftung ist null.
- Niemals auf "Schnellreparatur-Sets" aus dem Baumarkt setzen - die sind für Haarrisse gedacht, nicht für strukturelle Risse.
Die meisten Schäden entstehen nicht durch schlechte Materialien - sondern durch falsche Erwartungen. Wer glaubt, ein Riss sei nach einer Woche "geheilt", weil er nicht mehr sichtbar ist, irrt. Die Heilung dauert Monate. Und sie beginnt mit der Ursachenanalyse - nicht mit dem Pinsel.
Was kommt als Nächstes? Technologien, die die Fassadensanierung verändern
Die Branche verändert sich. KI-gestützte Systeme analysieren Fotos von Fassaden und prognostizieren Rissverläufe mit 98,7 % Genauigkeit - das hat die BAM 2023 vorgestellt. In drei Jahren wird es standardmäßig sein, dass Sanierungsfirmen mit 3D-Scannern arbeiten, um Risse digital zu dokumentieren - das neue WTA-Merkblatt 2-8-09-01-de wird das im dritten Quartal 2025 einführen.
Und dann ist da noch das biobasierte Harz von Uretek. 30 % der Rohstoffe kommen jetzt aus Pflanzen - nicht aus Erdöl. Es ist nicht nur umweltfreundlicher - es ist auch widerstandsfähiger gegen UV-Strahlung und Temperaturschwankungen. Das ist die Zukunft: nachhaltig, präzise, dauerhaft.
Der Markt für Fassadensanierung wächst jährlich um 7,3 %. In Deutschland lag das Volumen 2023 bei 1,2 Milliarden Euro. In Österreich ist der Trend ähnlich. Und mit dem durchschnittlichen Baujahr von 1972 im deutschen Gebäudebestand wird die Nachfrage bis 2030 um 35 % steigen. Wer jetzt lernt, wie man richtig sanieren kann, investiert nicht nur in sein Haus - sondern in die Zukunft der Bauindustrie.
Kann ich Fassadenrisse selbst reparieren?
Kleine Putzrisse (unter 0,5 mm) können Sie selbst reparieren - wenn Sie die richtigen Materialien verwenden. Elastische Füllmassen wie DinoGarant Compact und eine wasserdichte Grundierung sind Pflicht. Aber bei breiteren Rissen, besonders wenn sie durch das Mauerwerk gehen oder sich nach der Reparatur wieder öffnen, brauchen Sie einen Profi. Falsch reparierte Risse kosten später mehr als eine fachgerechte Sanierung.
Wie erkenne ich, ob ein Riss aktiv ist?
Setzen Sie eine Gipsmarke auf: Tragen Sie einen Zentimeter breiten Streifen Gips quer über den Riss auf. Lassen Sie ihn trocknen. Prüfen Sie ihn nach 2-4 Wochen. Wenn der Gips gerissen ist, bewegt sich die Wand weiter. Dann ist der Riss aktiv - und eine einfache Putzreparatur reicht nicht. Sie brauchen eine strukturelle Lösung.
Warum reißen Fassaden im Winter besonders oft?
Weil Wasser in den Rissen gefriert. Eis dehnt sich aus - bis zu 9 % mehr Volumen. Das drückt den Putz auseinander und vergrößert den Riss. Außerdem schwanken die Temperaturen zwischen Tag und Nacht stark - das belastet das Material. Deshalb sollte man Fassadenreparaturen nie im Winter durchführen. Die beste Zeit ist Frühling oder Herbst, wenn die Temperaturen zwischen 5 und 20 °C liegen.
Was ist der Unterschied zwischen DinoGarant Compact und MultiTop FZ?
DinoGarant Compact ist eine einlagige, elastische Füllmasse für feine Risse bis 0,5 mm. Sie ist schnell aufzutragen und trocknet flexibel. MultiTop FZ ist ein zweilagiges System - die erste Schicht ist eine Grundierung, die zweite eine verstärkte Oberfläche. Es ist für breitere Risse oder für Stellen geeignet, die stärkeren Belastungen ausgesetzt sind, wie unter Fenstern oder an Ecken.
Brauche ich eine Baugrundverstärkung, wenn ich Risse habe?
Nur, wenn es sich um Rissart C handelt - also um Risse über 1 mm, die sich weiter ausbreiten. Dann ist die Ursache oft ein instabiler Boden. Eine einfache Putzreparatur hilft dann nicht. Sie brauchen Spiralanker oder Harzinjektionen, um den Boden zu verdichten. Ohne diese Maßnahme kehren die Risse immer wieder zurück - egal wie oft Sie sie flicken.