Deutschland wohnt zu groß. Seit 1990 ist die durchschnittliche Wohnfläche pro Person von 34,3 Quadratmetern auf 47,7 Quadratmeter gestiegen. Doch wer braucht wirklich so viel Platz? Ein neues Konzept namens Suffizienz sagt: nicht viel. Und es geht nicht um Verzicht. Sondern um Vernunft.
Was ist Suffizienz wirklich?
>Suffizienz kommt vom lateinischen sufficere - hinreichen, genügen. Es geht nicht darum, weniger zu haben, sondern darum, genau das Richtige zu haben. Das Umweltbundesamt definiert es klar: „Das richtige Maß zwischen Mangel an Bedürfnisbefriedigung und Übermaß an Ressourcennutzung“. Im Wohnen heißt das: eine Wohnung, die deinen Bedürfnissen entspricht - nicht deinen Eltern, deinem Ex oder dem, was du in einer Fernsehserie siehst. >Die Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt: 30 Quadratmeter pro Person sind ausreichend, um Wohnkomfort und ökologische Grenzen zu vereinbaren. Das ist kein Extrem. Das ist Realität. In vielen europäischen Städten leben Menschen mit weniger, und sie sind zufrieden. In Deutschland dagegen haben wir eine Kultur des Überflusses. Und das kostet nicht nur Ressourcen - es kostet auch Geld und Zukunft.Warum reduzieren wir die Wohnfläche?
>Wenn jeder in Deutschland nur noch 30 Quadratmeter Wohnfläche nutzen würde, würden jährlich 11 Millionen Tonnen Treibhausgase eingespart - nur durch den Betrieb von Gebäuden. Noch dazu 9 Millionen Tonnen an sogenannten grauen Emissionen, die bei Bau und Materialien entstehen. Das ist mehr als der gesamte Verkehr in einer Stadt wie Hamburg ausstößt. >Und das ist nur die Umweltbilanz. Was ist mit dem Boden? In Deutschland wird täglich Fläche versiegelt - für neue Wohnungen, die oft leer stehen oder nur kurz bewohnt werden. Ein Einfamilienhaus mit 200 Quadratmetern, das von einer Single-Person bewohnt wird, ist kein Zeichen von Erfolg. Es ist eine Verschwendung. >Die Lösung liegt nicht darin, mehr zu bauen, sondern besser zu nutzen. Ein Haus mit vier Zimmern, das nur zwei davon braucht, kann in zwei kleinere Wohnungen geteilt werden. Eine große Wohnung, in der nur noch eine ältere Person lebt, kann gegen eine kleinere, barrierefreie Wohnung getauscht werden. Das ist kein Verzicht. Das ist Intelligentes Wohnen.Wie sichert Suffizienz den Immobilienwert?
>Ein häufiges Missverständnis: Wer weniger Fläche nutzt, verliert Wert. Falsch. Ganz im Gegenteil. Gebäude, die flexibel, gut genutzt und langfristig sinnvoll konzipiert sind, werden in Zukunft wertvoller sein. >Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat das erkannt. In ihrer Zertifizierung für Gebäude (Version 2023) und im Zukunftsprojekt 2030 hat sie Suffizienz explizit als Kriterium aufgenommen. Warum? Weil Immobilien, die auf Überdimensionierung setzen, in der Zukunft schwerer zu verkaufen oder zu vermieten sind. Wer heute eine 120-Quadratmeter-Wohnung baut, die für eine vierköpfige Familie gedacht ist, aber nur von einem Paar bewohnt wird, hat ein Problem: Was passiert, wenn die Kinder wegziehen? Wenn die Person altersbedingt weniger Platz braucht? >Ein Haus mit guter Suffizienz hingegen ist modular. Es lässt sich umbauen, teilen, umnutzen. Eine Wohnung, die sich in zwei kleinere Einheiten aufteilen lässt, hat eine höhere Marktfähigkeit. Ein Mehrfamilienhaus mit gemeinschaftlich genutzten Räumen - Küche, Waschraum, Garten - hat weniger Quadratmeter pro Person, aber mehr Lebensqualität. Und das macht es wertvoller. >Der Erhalt bestehender Gebäude zählt mehr als der Neubau. Wer ein altes Haus sanierst, statt neu zu bauen, spart nicht nur Energie - er erhält auch den Wert. Die DGNB bewertet das positiv. Die Zukunft gehört nicht den riesigen Einfamilienhäusern. Sondern den intelligenten, flexiblen, gut genutzten Wohnräumen.
Wie sieht die Praxis aus?
>Es gibt schon heute Beispiele, die zeigen, dass es funktioniert. Gemeinschaftliche Wohnprojekte, besonders generationsübergreifende, sind Vorreiter. Ältere Menschen tauschen ihre große Wohnung gegen eine kleinere, barrierefreie Einheit - und bleiben in der Nachbarschaft. Junge Familien nutzen die freigewordene Fläche, um sich in der gleichen Anlage eine größere Wohnung zu suchen. Gemeinschaftsräume ersetzen individuelle Räume: eine große Küche statt fünf kleine, ein Waschraum statt fünf Waschmaschinen. >Das ist kein Verzicht. Das ist Gemeinschaft. Und es spart bis zu 40 Prozent der Wohnfläche. Die KEA-BW hat das dokumentiert: Solche Projekte reduzieren den Flächenverbrauch, ohne die Lebensqualität zu senken. Im Gegenteil: Die sozialen Verbindungen steigen, die Isolation sinkt. >Städte wie Berlin, Hamburg oder Freiburg fördern solche Modelle. Sie nutzen Leerstands- und Nachverdichtungskataster, um alte Gebäude zu teilen, aufzustocken oder umzunutzen. Eine ehemalige Schule wird zu Wohnungen. Ein altes Gewerbegebäude wird zu einer Mischung aus Wohnen, Büro und Gemeinschaftsraum. Das ist Suffizienz in der Praxis: weniger Neubau, mehr Umnutzung.Was sagt die Politik?
>Die Bundesregierung will pro Jahr 400.000 neue Wohnungen bauen. Klingt gut. Aber was, wenn viele davon überflüssig sind? Was, wenn wir stattdessen die 1,2 Millionen leerstehenden Wohnungen in Deutschland besser nutzen würden? Die BBSR-Studie sagt klar: Es geht nicht um die Anzahl, sondern um die Verteilung. Es ist kein Wohnungsnotstand, sondern ein Verteilungsproblem. >Die Förderung für effiziente Gebäude (BEG) könnte jetzt auch Suffizienz unterstützen. Nicht nur Dämmung und Solaranlagen zählen, sondern auch die Reduzierung der Wohnfläche pro Person. Ein Haus mit 30 Quadratmetern pro Person könnte höhere Fördermittel bekommen als ein Haus mit 60. Das wäre ein klarer Anreiz. >Die DGNB hat es vorgemacht: Sie hat Suffizienz in ihre Zertifizierung aufgenommen. Andere Institute werden folgen. Die Zukunft der Immobilienwirtschaft liegt nicht in der Fläche, sondern in der Funktion. Wer heute baut, muss sich fragen: Wird diese Wohnung auch in 20 Jahren noch passen? Oder ist sie schon morgen veraltet?